Edelkrebsbesatz vom 27.08.2010, Artikel aus der Mainpost vom 30.08.2010

LOHR
Ein Teich im Wald dient als Zuchtstation
Hegefischereigenossenschaft hofft auf Wiedereinbürgerung des Edelkrebses in der Lohr und ihren Nebenbächen


Vor 50 Jahren war der Edelkrebs im Main und den Spessartbächen keine Seltenheit, heute gilt er dort als ausgestorben. Das soll sich ändern: Die Hegefischereigenossenschaft der Lohr will ihn wieder einbürgern.
Dass es beim Startschuss für das Projekt wolkenbruchartig regnete, war den auch Flusskrebs genannten Tieren, wohl egal. Die Menschen warteten erst einmal ab. Gemeinsam erklärten der pensionierte Revierförster Hubert Gebhard aus Rothenbuch, Harald Schlundt als zweiter Vorsitzender der Hegefischereigenossenschaft und Karl Scherer, der bei der Genossenschaft die Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit betreut, im überdachten Freisitz von Gebhard das Projekt.
Karl Scherer erinnert sich noch gut, dass er als Bub die Krebse in der Lohr in Frammersbach sah. Das sei bis Anfang der 1960er Jahre gegangen, so lange sind die Krebsbestände im Spessart auch dokumentiert. Was genau der einst in Mitteleuropa dominierenden Krebsart, die auch als Speisekrebs geschätzt wurde, im Spessart danach den „Garaus" machte, ist unklar.
Zum einen wurde um 1870 der aus Nordamerika stammende Kamberkrebs in Deutschland eingebürgert. Er besiedelte sehr schnell die großen Flüsse, Kanäle und Seen. Im Main kommt er heute zu Millionen vor. Er überträgt die Pilzerkrankung Krebspest, gegen die er selbst immun ist. Wo er vorkommt, gibt es also keine Edelkrebse mehr. In kleineren kälteren Nebengewässern wie den Spessartbächen kommt er aber nicht vor.
Beim im 20. Jahrhundert nach Europa „importierten" amerikanischen Signalkrebs, der ebenfalls die Krebspest überträgt, ist das anders: Dieser Krebs kann auch in den kalten Bächen Bestände bilden. Als der Diplombiologe Stefan Kaminsky vor rund fünf Jahren im Auftrag der Fischereifachberatung Unterfranken die Spessartbäche nach Krebsen durchsuchte, fand er allerdings keinerlei Krebse, auch nicht den Signalkrebs.
„Sind sie weiter als zehn Meter vom Weibchen entfernt, etwa durch die Strömung eines Baches, machen sie sich nicht mehr die Mühe."
Hubert Gebhard beschreibt das gemütliche Wesen der Männchen
Weshalb also ist dort der Edelkrebs ausgestorben? Unbewiesen ist die Theorie, dass die Krebspest durch Enten vom Main in die Spessartbäche getragen wurde. Vielleicht verschwand der Edelkrebs im Spessart aber auch wegen der Verschmutzung der Bäche. Denn in den 60er-Jahren hielten die Waschmaschinen in den Haushalten Einzug und und damit die dazu gehörenden chemischen Waschmittel in den Abwässern. Bis in die 70er und 80er Jahre war die Verschmutzung der Bäche deshalb besonders groß, die Kläranlagen wurden erst danach gebaut.
Jedenfalls empfahl der Diplombiologe Stefan Kaminsky der Hegefischereigenossenschaft der Lohr, einen Wiedereinbürgerungsversuch zu unternehmen. Die Genossenschaft gibt es seit 1934 als Gemeinschaft aller Fischereirechtsinhaber und Pächter inklusive der „Privatstrecken", worunter vor allem die teilweise sehr langen Mühlbäche fallen. Sie betreut vor allem die Lohr, den Lohrbach und den Aubach von den Quellen bis zur Mündung in den Main. Als Träger öffentlicher Belange wird die Hegefischereigenossenschaft der Lohr auch bei Projekten wie Bachverlegungen gehört.
Seit 25 Jahren Erfolge mit Zucht
Konkret wurde der Wiedereinbürgerungsversuch, als Karl Scherer vor zwei Jahren auf Vermittlung des Lohrer Umweltbeauftragten Manfred Wirth und des Lohrer Forstamtsleiters Bernhard Rückert den zwischenzeitlich pensionierten Revierförster Hubert Gebhard aus Rothenbuch kennenlernte. Der züchtet dort seit 25 Jahren erfolgreich Edelkrebse in verschiedenen Teichen. Dank der Unterstützung des neuen Forstbetriebsleiters Jann Ötting kann er das auch fortführen. Rund 3500 Krebse gab er nach seinen Schätzungen schon ab, in ganz Nordbayern und darüber hinaus: Die letzte Anfrage kam aus Rosenheim.
Mit rund 20 Tieren gestartet
Die Hegefischereigenossenschaft der Lohr unterstützt er unentgeltlich mit Besatzkrebsen. Es ist ein kleiner Anfang: Rund 20 Tiere konnten Harald Schlundt und Karl Scherer jetzt in einen Bioteich am Beilstein im Lohrer Stadtwald zu Zuchtzwecken aussetzen. Ein zweiter Teich wird noch besetzt. Auf der Suche nach geeigneten Gewässern schaute sich Scherer in den Wochen davor insgesamt 40 Teiche an.
Die Krebse direkt in die Spessartbäche einzusetzen, wäre nicht sinnvoll. Zwar ist derzeit, von Mitte August bis Mitte September, Paarungszeit. Doch die Männchen, mit 18 bis 20 Zentimetern sind sie deutlich größer als die Weibchen, seien etwas faul, erklärt Hubert Gebhard: „Sind sie weiter als zehn Meter vom Weibchen entfernt, etwa durch die Strömung eines Baches, machen sie sich nicht mehr die Mühe."
Erst wenn die Nachzucht in den Waldteichen gelingt, kann das eigentliche Wiederansiedlungsprojekt mit einem kontinuierlichen Besatz in der Lohr und den Nebenbächen gelingen. Das wird Jahre dauern, da die Krebse erst in ihrem dritten Lebensjahr geschlechtsreif werden.